Hundeblumen
23. Mai 2010 | Von Daniela | Kategorie: Unwegsames beim Laufen
Auf der Karte hatte ich mir eine neue Laufstrecke ausgesucht. Bisher war die Auswahl noch nicht so wahnsinnig groß, wohnte ich doch erst wenige Wochen hier im Ort und kannte noch nicht sehr viel von der Umgebung. Was gab es also schöneres als die Gegend laufend zu erkunden? Der Anfang der Strecke unterschied sich nicht von meinen bislang ausgewählten Strecken und ich begegnete sogar schon ein paar bekannten Gesichtern, die freundlich grüßten. Hier war immer etwas los, Mütter mit Kindern auf Fahrrädern oder Dreirädern, Hundeausführer, Radfahrer, Läufer, Walker. Schon fast am Ende des Weges und kurz bevor ich auf unbekanntes Terrain abbog, kamen mir zwei Kinder auf ihren Rädern entgegen. In etwas Abstand folgten die Mütter. Der Junge war etwa vier Jahre alt und fuhr recht flott mit seinen Stützrädern auf mich zu. Das etwa zwei Jahre ältere Mädchen folgte in kleinem Abstand. Ich lächelte dem Jungen zu, Kinder mag ich nämlich sehr und ich erkannte in ihm ein Nachbarskind. Knapp vor mir bremste er und sagte etwas. ich zog die Ohrenstöpsel heraus und fragte: “Was hast du gerade gesagt?” Er griff nach hinten in seinen kleinen Fahrradkorb auf dem Gepäckträger, zog einen Büschel Grünzeug mit etwas Gelbem dazwischen heraus und streckte es mir mit einem: “Schenk ich dir” entgegen.
Ich nahm es entgegen und bemerkte dass es sich um drei “Löwenzahn” (oder heißt es Löwenzähne?) mit viel Gras dazwischen handelte. Ich musste breit grinsen und bedankte mich artig bei dem kleinen Kerl. Inzwischen war auch die Schwester bei uns angekommen und streckte mir ihrerseits nun auch drei “Löwenzahn” entgegen, der allerding gleich als solches zu erkennen war, denn er war wesentlich sorgfältiger gepflückt. “Danke euch Beiden, die Blumen nehm ich gerne mit” lüge ich und überlege schon, wo ich sie am Besten entsorgen könnte. Annehmen wollte ich sie aber auf jeden Fall, sonst wären die beiden sicher enttäuscht und es ist ja auch total lieb von ihnen, mir, einer praktisch Fremden etwas von ihren gepflückten Blumen abzugeben. Ich packe die Blumen also am Stengel und trabe wieder an. “Tschüß” rufen die Kinder und ich winke ihnen noch kurz zu. Die Mütter an denen ich kurz darauf vorbei laufe grinsen mich an. Die sind wahrscheinlich froh über jedes abgeknickte Blümchen was nicht bei ihnen zu Hause in einem Wasserglas verendet. Ich grinse zurück, grüße und bin auch schon wieder vorbei. Hinter der Kurve lasse ich erstmal das Gras zwischen den Blumenstengel herausrieseln. Die Pfllanzen selbst halte ich weiterhin in der Hand. Warum sollte ich eigentlich nicht damit weiter laufen? Ich bschloss sie also zu behalten so lange sie mich nicht irgendwie störten. Löwenzahn mochte ich als Kind immer sehr gern, wahrscheinlich wegen der knalligen Farbe. Ausserdem konnte man aus den Stengeln “Blumenmilch” herausquetschen, das faszinierte mich wie ich mich plötzlich erinnerte. Wie es so beim Laufen ist, wenn die Gedanken schweifen. Ich erinnerte mich auch daran, dass meine Mutter nicht so sehr begeistert von den gelben Blüten war. “Hundeblume” nannte sie den Löwenzahn immer. Warum sie die so nannte, wusste ich nicht mehr. Ich war mir auch schon wieder gar nicht mehr so sicher, ob es sich tatsächlich es dabei um Löwenzahn gehandelt hatte oder ob es vielleicht eine andere Blume war. Nur dass sie gelb war, daran erinnerte ich mich und, dass ich mir immer die Hände waschen musste, wenn ich mit den “gelben Stinkern” gespielt hatte. So in Gedanken versunken und die sechs Blumen weiterhin in der Hand lief ich vor mich hin, bog wieder ab und erkannte, dass dies schon die letzte Biegung war, bevor ich wieder in bekanntem Gebiet sein würde. Kurz vor mir lag ein Bauernhof, umgeben von einer hohen Hecke. Als ich näher kam, hörte ich dahinter einen Hund bellen. Klar, ein Bauernhof ohne Hofhund wär ja auch merkwürdig. Ich bin froh über die hohe Hecke und hoffte nur, dass die Hofeinfahrt ein großes, fest geschlossenes Tor hat oder das Tier an einer nicht zu langen Kette festgebunden ist. Vor Hunden an sich habe ich schon gehörigen Repsekt, vor großen, nicht angeleinten schlichtweg Angst. Innerlich schon bibbernd verlangsame ich und hoffe. Die Hoffnung wurde jäh durch eine plötzlich durch die Hecke auf mich zurasende Riesenbestie relativiert. Laut bellend rannte der Hund auf mich zu.
Na klasse, am liebsten wäre ich an dieser Stelle tot umgefallen. Tat ich natürlich nicht. Das Vieh umkreiste mich immer noch bellend, aber recht freundlich mit dem Schwanz wedelnd. Ich war inzwischen stehen geblieben, versuchte halbwegs normal zu atmen und nicht durch extremen Angstschweiß aufzufallen. “Na duuuu?” säuselte ich, “passt du schön auf dein Zuhause auf?” Vielleicht ließ er sich ja überreden mich nicht zu fressen. Das Herz klopfte mir bis zum Hals. Endlich hörte er auf zu bellen und stellte sich neben mich. “Ich tu dir nix” versuchte ich ihn (oder eher mich) zu beruhigen. Schwanzwedelnd sah er mich an und fing an, die Blumen, die ich jetzt doch sehr krampfhaft in der Hand hielt, zu beschnuppern. Ich drehte die Löwenzahnblüten etwas zu ihm herum, denn sie schienen ihn zu interessieren und ich dachte mir: lieber die als ich. Langsam ging ich weiter und versuchte ihn so gut wie möglich zu ignorieren. So machte ich fast schon in Zeitupe einen Schritt vor den anderen. Er schritt neben mir her, die Nase dicht neben den jetzt herunter hängenden Löwenzahnblüten. Schon waren wir an der Hofeinfahrt der Hund blieb stehen, ich aber ging eisern weiter. Schon atmete ich vorsichtig auf, da war er doch schon wieder neben mir und schnupperte an den Blumen herum. Hundeblumen, tja, sollte er sie doch haben. Vielleicht war das meine Chance ihm zu entkommen. Den Blick stur geradeaus gerichtet ging ich weiter, ließ die Blumen aber fallen und sah aus den Augenwinkeln, wie er tatsächlich dort stehen blieb. Ich traute mich noch nicht wieder loszulaufen. Ging, nicht dass er auf die Idee käme, ich liefe vor ihm weg und spiele seine Beute. Meinen Herzschlag spürte ich inzwischen überall im Körper. Ich habe wirklich große Angst vor großen, frei laufenden Hunden. Erst ein ganzes Stück entfernt, traute ich mich, einen Blick über die Schulter zu werfen. Das schwarze Hundetier lag mit der Nase in den Blumen auf der Strasse und machte den Eindruck als würde er dort schon seit Stunden liegen. Ich aber ging vorsichtshalber noch zwanzig Schritte, versuchte wieder halbwegs normal zu atmen und setzte meinen Weg dann laufend fort.
Dort entlang gelaufen bin ich seitdem nicht mehr wieder, aber ich habe -als ich wieder zu Hause war- nach der “Hundeblume” gegoogelt. Der Löwenzahn steht tatsächlich als solche bei Wikipedia. Faszinierend, oder?