Praxistest mit Walkern oder Wo liegt die Toleranzgrenze
23. Mai 2010 | Von Matthias | Kategorie: Unwegsames beim Laufen![]()
Nun hat mich das Klischee auch erwischt. Jahrelang habe ich widerstehen können. Das gehört nun der Vergangenheit an. Walker und Läufer passen einfach nicht zusammen. Jetzt bin ich auch davon überzeugt. Einmal zuviel habe ich mich über Walker aufgeregt, die ignorant zumeist in Zweiergruppen sich so breit machen, dass kein Mensch vorbeikommt. Damit sie sich mit ihren Stöckern nicht selber behindern halten sie natürlich Abstand, so dass am Rand die letzte Lücke gefüllt wird. Da ich doch über eine hohe Schmerzgrenze verfüge, wollte ich den Walkern eine letzte Chance geben. In einem Versuch testete ich nun die Toleranzgrenze von Walkern.
Eigentlich wollte ich niemals über das Thema schreiben. Es schien mir so, dass schon alles darüber geschrieben war. Aber mal ehrlich: Wer seine Lauferlebnisse dokumentiert, kommt an dieses Thema doch irgendwann einmal nicht mehr vorbei. Immer wieder sonntags ist ein bekanntes Lied von Cindy und Bert, in dem mit schönsten Worten über Liebe gesungen wird. Immer wieder dienstags hingegen empfinde ich keine Liebe gegenüber einer Gruppe von Menschen, die sich mit Stöckern wie stolze Pfaue auf meiner Laufstrecke bewegen. Der hiesige Verein startet dann immer wieder seine Walkingsgruppe. In vier bis fünf Leistungsgruppen begegne ich Ihnen bis vor Kurzem mit einem hohen Grad an Freundlichkeit. Gedankt haben sie es mir nie. Anfänglich fand ich es ja immer noch ganz witzig, Walker teilweise mit 70er Jahre Baumwoll Trainingsanzügen oder mit hautengen Oberhemden zu sehen. Dass ich aber stets abbremsen muss, wenn ich sie sehen, hat mich aber seit jeher gestört. Als ich letzte Woche sogar kurzfristig gehen musste, weil ich einfach nicht vernünftig und höflich an ihnen vorbeikam, riss mein Gedulds- und Toleranzfaden. Ich stehe jedoch auf den Standpunkt, dass jeder Mensch, aber auch Walker eine zweite Chance verdient haben. Letzten Dienstag unternahm ich einen Test.
Was ich dazu brauchte
Genügend Gruppen von Walkern (darauf konnte ich mich dienstags immer verlassen)- Walker, die an den Seiten keinen Platz machen (das ist wie weißer Schimmel, Glasvitrine oder Düsenjet ein Pleonasmus)
- Eine gute Verfassung (dieser Test wirkt nicht bei lockerer Geschwindigkeit)
- Einen nicht zu schmalen, aber auch nicht zu breiten Weg, bei dem es keinen Seitenstreifen, oder Ähnliches zum kurzfristigen Verlassen des Weges im Lauftempo (Eine etwa drei Kilometer lange Waldstrecke, die mitten auf meiner Laufstrecke liegt, ist dafür perfekt)
Testablauf
Ich nährere mich ziemlich langsam einem Walkerpärchen, um sie zu überholen. Walker haben eine natürliches Bedürfnis nebeneinander zu laufen, um über Gott und die Welt zu quatschen, verfügen aber auch über relativ viel Angst, dass sie sich mit ihren Stöckchen ins Gehege kommen. Sie lassen deshalb stets eine Lücke von etwa 50 cm zwischen sich. Das wiederrum hat zur Folge, dass sie sich jeweils soweit an den Rand des Weges bewegen, dass dort ein Überholen unmöglich ist. So bleibt dem Überholenden nur die Möglichkeit, sich akustisch bemerkbar zu machen (was die Walker natürlich viel zu spät vernehmen, so dass man sein Tempo gravierend reduzieren muss) oder man hat Mut und wählt die 50cm Lücke zwischen ihnen. Diese ist natürlich viel zu schmal, um unbemerkt oder gefahrlos zu überholen. Das Risiko eines durch Erschrecken verursachten Herzinfaktes ist allgegenwärtig. Aber genau das macht es ja noch interessanter. Der erste Teil des Testes hat also zum Inhalt, diese Lücke zu nutzen und die Reaktion der Walker unter Laborbedigungen zu dokumentieren. Im zweiten Teil des Tests wird in ähnlicher Form gehandelt. Statt aber die Walker zu überholen, wird nun den vorher überholen Walkern entgegen gelaufen und zielstrebig die Lücke zwischen Ihnen als Querung gewählt. Frech, aber angesichts des Benehmens der Walker aus Sicht des Autoren durchaus angemessen.
Testschilderung
Testreihe 1
Mein Lauf begann wie jeder andere auch. Ich hatte knapp drei Kilometer für mein körperliches und psychisches Aufwärmen. Als ich im Wald angekommen war, schaute ich noch einmal kontrollierend auf die Uhr. Ich war genau in der Zeit. Ich dachte noch, was denn nun gegen eine unmittelbare Begegnung sprechen würde (Ferien, schlechtes Wetter, Erkrankung der Kursleiterin, Erdbeben, Walker sind zu Läufer geworden..ne eher unwahrscheinlich), da erblickte ich die erste Gruppe. Ein Paar. Perfekt. Besser hätte der Test nicht beginnen können. Ich kam dichter und stellte nicht wirklich überrascht fest, ich hatte wirklich nur die Lücke zum Überholen, wenn ich nicht um ein Vorbeikommen bitte. Ohne die Geschwindigkeit zu vermindern, lief ich also auf die Lücke zu. Noch 20m. Sie haben mich immer noch nicht gehört. Super. Während ich mich gerade psychisch auf das Bevorstehende vorbereite (wenn das überhaupt möglich ist), dreht sich eine der Damen etwa fünf Meter vorher um und erblickt mich. Statt etwas zu sagen, schubst sie die andere Dame mit einem “Vorsicht, wir sind im Weg” zur Seite. Ich laufe durch die nun ausreichend breite Lücke ohne es zu versäumen, mich höflich zu bedanken. Irgendwie doch ein bisschen enttäuscht stelle ich fest, dass ich im Hintergrund kein Meckern oder derartiges höre. Die Überraschung war wohl zu groß. Bis die Damen wieder Fassung gefunden haben und sich dann beschweren, bin ich wohl leider außer Reichweiter. Sei es drum, es wird ja noch eine zweite Begegnung geben, denke ich in Vorfreude. Erster Test durchgeführt.
Viel Zeit zum Analysieren bleibt mir jedoch nicht. Nach einigen Hundert Metern sehe ich schon das nächste Pärchen. Gleiche Konstellation. Noch etwas leiser als beim letzten Test, nähere ich mich den Beiden. Schon von Weiten erkenne ich, dass es sich um ein schon öfters begegnetes ältere Ehepaar handelt. Ich laufe auf sie zu, noch 15m, 10, 5…sie bemerken mich nicht. Kann es perfekter laufen? Und durch. Die Wirkung kann perfekter nicht sein: Beide bekommen einen riesen Schreck, als sie mich entdecken. Mehr als ein kurzes Grummeln ist ihnen aber nicht zu entlocken. Entgegen meiner Vermutung, stehen sie es wie echte Männer durch. Auch mein kurzes bewusst freundliches “Danke” bleibt unbeantwortet. Keine Reaktion. Ich bin kurz am überlegen, ob ich mich umdrehe um auszuschließen, dass sie einen sofortigen Herztod erlitten haben. Das kann ich natürlich nicht tun. Das würde ja die Authentität des Tests gefährden. Viel Zeit zum Überlegen bleibt jedoch auch nicht. Das nächste Pärchen ist schon in Sichtweite. Gerade stell ich mich auf den nächsten Test ein, da ist er auch schon vorbei: Das ältere Ehepaar brüllt quer durch den Wald “Vooooooorsicht Läufer”. Die Wirkung bleibt nicht aus. Das andere Pärchen dreht sich um, und macht mir bereitwillig Platz. Spielverderber und das 200 Meter bevor der sich meine weitere Strecke von denen der Walker unterscheidet und die erste Testreihe damit endet. Ich hätte mit mehr Begegnungen gerechnet. Schade eigentlich. Naja, ich habe ja noch die zweite, die finale Testreihe.
Testreihe 2
Mein Wegstrecke verläuft nun in einem Rundparcour. Ich umlaufe jetzt den Waldweg, um ihn in knapp einem Kilometer dann entgegengesetzt zu laufen. Dann werden mir die Walker entgegen kommen. Sie sehen mich dann schon in ausreichender Entfernung, so dass sie gebührend auf mein Verhalten aus Testreihe 1 zu reagieren. Von Anfang an war klar, heute ist ein MP3-Player Tabu. Heute wird es eine Hörspiel der besonderen Art geben und ich bin Live dabei und quasi mittendrin. Großes Kino.
Wieder auf der Strecke angekommen, muss ich feststellen, dass nach meiner Abschätzung die ersten Pärchen lange in Sichtweise hätten müssen. Hat etwa die Vernunft gesiegt wie “Wo Läufer unterwegs sind, haben wir nichts zu suchen?” oder muss ich mich jetzt darauf einstellen, dass gleich wütende Menschen mit Knüppeln aus dem Dickicht des Waldes auf mich zustürmen und mich verprügeln wollen? Es kommen erste Zweifel auf, ob dieser Test nicht übertrieben war und ich die letzten Symphathien im Dorf verspielt habe. “Nun sei keine Memme, Matthias. Die haben nichts anderes verdient und für militante Aktionen sind die viel zu brav” Dennoch schau ich jetzt aufmerksamer auf den Baumbestand und reagiere sensibler auf Geräusche. Da! In 150m Entfernung erspehe ich Menschen mit Stöckchen. Das sind sie. Aber….äh…. Ich traue meine Augen nicht: Statt einzeln sind sie nun alle zusammen. Haben die sich etwa nun zusammen getan, um mir tüchtig den Marsch zu blasen. Was habe ich nur angerichtet? Warum muss ich es auch nur immer übertreiben. Ich hätte wissen müssen, dass Walker unkontrolliert reagieren können. Was mache ich nun? Nach einiger Überlegungen, stelle ich fest, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Durchstehen, oder umdrehen. Umdrehen wäre aber dann doch zu peinlich. Die Zeit reicht auch nicht mehr, um eine Zerrung jetzt zu bekommen und dann langsam gehend umdrehen. Die hätten mich sofort eingeholt. Im Gehen bin ich nicht sehr schnell. Durch einen erforderlichen Sprint würde die Glaubwürdigkeit einer Verletzung erheblich leiden. Also… also durchstehen. Noch 50m. Jetzt erkenne ich es genau. Sie walken wie immer. Wollen mich in Sicherheit wiegen. Wie verlogen sie doch sind. An einer fairen Aussprache sind sie also nicht interessiert. Egal jetzt, ich habe mich entschieden. Oder doch umdrehen?
Noch 20m. Der erste Walker übernimmt die Initiative: “Uiiiii, zur Seite!” und fängt dabei an zu lachen. Er meinte nicht etwa mich, sondern die nachfolgenden Walker. Nun begannen auch diese zu lachen und schauten mich freundlich an, bevor sie freiwillig Platz machten, um mich passieren zu lassen. Das passte aber jetzt gar nicht zu meinen Erwartungen und zu meinem Klischee. Natürlich hätte ich die Walker jetzt beschimpfen können, weil ich das Lachen als Auslachen empfand. Das wäre zwar gelogen, hätte aber das Klischee gerettet. Ich entschied mich für ein freundliches Lächeln und ein noch freundlicheres “Danke”. Testreihe 2 war damit beendet mit dem Eregebnis, dass ja…äh… Die Testreihe war eben beendet.
Nach längerem Überlegen habe ich nun beschlossen, nie wieder etwas über Walker zu schreiben und musste feststellen, dass Walker auch Menschen sind. Quasi.
… und für mich als Läufer versteht es sich von selbst, dass ich freundlich um Platze bitte, wenn ich von hinten komme und der Platz knapp sein könnte. Wobei es natürlich stimmt, ein häufiges Problem ist auch dann noch, dass wir nicht gehört werden … Uschis neuer Kerl ist eben interessanter.